2005-12-23

Massenflucht der Weisskittel

Fast die Hälfte eines Medizinerjahrgangs ergreift nicht den Arztberuf. Den Abtrünnigen geht es häufig besser als ihren Kollegen in den Kliniken: Die Wirtschaft zahlt höhere Gehälter - und endlose Überstunden bleiben eine Ausnahme, wie "Spiegel Online" (16.12.2005) schreibt.


Eigentlich wollte Joachim Bischof Chirurg werden. Mit 28 Jahren hatte er den Doktortitel in der Tasche und verbrachte den größten Teil des Tages am Operationstisch. Bis er selbst auf dem Tisch lag. Mit 29 hatte er einen schweren Bandscheibenvorfall erlitten, bedingt auch durch das lange, nach vorn geneigte Stehen im OP. Drei Jahre später musste er operiert werden. Bischof suchte nach einer beruflichen Alternative, zumal er seine damals einjährige Tochter wegen Wochenend- und Nachtdiensten nur selten zu sehen bekam.

Der Mediziner fand beim Automobilbauer Opel eine Stelle als Assistent des Facharztes für Arbeitsmedizin. Die Ausbildung dauerte zwei weitere Jahre. Seine Kollegen spotteten: "Der Bischof geht in den Vorruhestand." Die Arbeitsmedizin hatte als Fachgebiet nicht den besten Ruf. Doch Bischof ging seinen Weg unbeirrt weiter.

Heute leitet der 44-Jährige das Gesundheitsmanagement bei der BMW Group in München. Er hat die fachliche Leitung von knapp 30 Arbeitsmediziner und gehört zum oberen Management. Seine Frau und die inzwischen zwei Kinder sehen ihn unter der Woche nicht viel häufiger als früher. Dafür hat er keine Nachtschichten mehr und an den Wochenenden meist frei.

"Oft braucht man einen persönlichen Dämpfer, damit man seine Situation grundlegend ändert", sagt Bischof heute. Er kann verstehen, dass viele junge Ärzte die Flucht aus den Kliniken antreten. Schon seit Monaten laufen Ärztevertreter Sturm gegen die Arbeitsbedingungen und geringe Bezahlung in den Kliniken - zuletzt mit einem Streik an der Berliner Charité.

Junge Ärzte sind angeschmiert
Zum 1. Oktober 2005 wurde der Bundesangestelltentarif BAT durch den Tarifvertrag öffentlicher Dienst TVöD ersetzt. Wer davor schon angestellter Klinikarzt war, durfte sich über eine finanzielle Besitzstandwahrung freuen.

Angeschmiert sind junge Ärzte, die nach dem Stichtag in den weißen Kittel geschlüpft sind und schlüpfen werden. Der Marburger Bund hat ausgerechnet, dass ein 29-jähriger verheirateter Arzt über einen Zeitraum von zehn Jahren exakt 31.298,46 Euro weniger verdient als zu BAT-Zeiten.

Bei BMW hingegen fängt ein junger Ingenieur im Schnitt mit knapp 4000 Euro brutto an und wird selten 60 Stunden die Woche arbeiten müssen. Dafür sorgt die strikte Einhaltung der Arbeitsschutzgesetze. "Bei uns wird medizinische Prävention ernst genommen, die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter erhalten", betont Bischof.

In der Klinik hatte er auch unter dem "Nasenfaktor" gelitten: "Man ist in seinem beruflichen Fortkommen auf Gedeih und Verderb dem Wohl und Wehe des Chefarztes ausgeliefert", berichtet er aus dem Klinikalltag. Darunter leiden viele junge Mediziner.

"Heute kann ich Dinge umsetzen, die mir wichtig sind", meint auch Anthony Lauw. Der 32 Jahre alte Mediziner war in der Unfallchirurgie und arbeitet seit gut zwei Jahren bei Novartis Pharma in Nürnberg, jetzt als verantwortlicher Produktmanager für einen Blutdrucksenker. Die Arbeitszeit flexibel zu gestalten, bedeutet für Lauw Lebensqualität, die er vorher nicht kannte.

Schwundrate von 41 %
Nach Angaben der Bundesärztekammer liegt die Schwundrate von Medizinern aus ihrem Beruf bei 41 Prozent. Im Jahr 1997 hatten 11.700 Studenten ein Medizinstudium aufgenommen, im Abschlussjahr 2003 aber nur 6802 ihre Arzt-im-Praktikum-Stelle tatsächlich angetreten.

Die Studienabbrecherquote bei Medizinern ist besonders niedrig. Der Rest wandert ab, in die Wirtschaft oder ins Ausland. 6300 deutsche Ärzte arbeiten in ausländischen Kliniken, meist für besseres Geld. Eine Studie des britischen Gesundheitsministeriums ergab, dass deutsche Klinikärzte im internationalen Vergleich Geringverdiener sind. 2004 gab es in Deutschland rund 306.500 Ärzte, davon 146.000 Klinikärzte. Der Marburger Bund warnt schon seit Jahren vor dem Ärztemangel.

Den Ärztemangel spürt inzwischen sogar schon Joachim Bischof: "Wenn wir eine Stelle ausschreiben, erhalten wir weniger Bewerbungen als noch vor zwei oder drei Jahren." Das liegt sicher nicht am Unternehmen: BMW gehört zu den begehrtesten Arbeitgebern unter Hochschulabsolventen hierzulande. Auch die Arbeitsmedizin habe ihr Ansehen inzwischen stark verbessert, so Bischof. "Die Berufsaussichten für Mediziner sind viel schlechter geworden", begründet er das nachlassende Interesse am Arztberuf.

Dass Ärzte auch außerhalb von Klinikmauern Menschen helfen können, davon ist Korinna Pilz fest überzeugt. Nach ihrem Biologiestudium ging sie in die Forschung und studierte nebenher Medizin. Ihr Ziel war es, an der Schnittstelle zwischen Medizin und Biologie zu arbeiten. "Nach mehreren Jahren Arbeit im Krankenhaus hat sich aber herausgestellt, dass sich der Klinikalltag nicht mit dem Forschungsalltag verbinden lässt", sagt die 39-jährige im Rückblick. Heute arbeitet sie beim Pharmaunternehmen Merck in Darmstadt und ist zuständig für internationale Studien eines neuen Krebsmedikaments.

2005-11-07

In Zukunft fehler in D die Ärzte

I-Newswire,
2005-11-07 - Bonn/Hamburg

In Zukunft fehlen in Deutschland die Ärzte

In Mecklenburg-Vorpommern oder in der Sächsischen Schweiz lässt sich bereits kaum ein Mediziner nieder, weil er dort mit nur geringen Verdienstmöglichkeiten rechnet.
Ein weiterer Grund dafür, dass in deutschen Krankenhäusern ab Januar 2005 die Weißkittel fehlen könnten, ist das neue Arbeitsgesetz, wonach der Bereitschaftsdienst künftig als Arbeitszeit gelten muss. So sieht es zumindest die Deutsche Krankenhausgesellschaft ( DKG ) http://www.dkgev.de, die vor einem „massiven Personalnotstand“ warnt. Die neue Regelung dürfe nicht in Kraft treten. Andernfalls brauche man bis zu 27.000 zusätzliche Ärzte. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund ( MB ) http://www.marburger-bund.de bezeichnete diese Zahl nach Angaben der Tageszeitung Die Welt http://www.welt.de als "Lüge". Mit geeigneten Arbeitszeitmodellen seien maximal weitere 7.000 Ärzte nötig.
Doch es könnte für die Ärzte noch schlimmer kommen. Im aktuellen Spiegel http://www.spiegel.de sagt der Mediziner und Gesundheitsforscher Matthias Schrappe einen „Abschied vom Halbgott in Weiß“ voraus. Die Forderungen der Klinikärzte, 30 Prozent mehr Gehalt zu bekommen, hält Schrappe nicht nur für völlig irreal, sondern auch für den Ausdruck einer tiefen Identitätskrise. „Das Selbstverständnis des ärztlichen Berufs ist in Frage gestellt“, so der Mediziner, der seit September 2005 als hauptamtlicher Dekan an der Universität Witten-Herdecke http://www.uni-wh.de tätig ist.
Heute fehlten den jungen Ärzten die Zukunftsperspektiven. Wegen der Zulassungsbeschränkungen sei die Gründung einer lukrativen Großstadtpraxis kaum möglich. Und als Facharzt im Krankenhaus gebe es immer weniger Aufstiegsmöglichkeiten, da nur 10.000 Chefarztpositionen zu vergeben sind.
„Das gesamte Gesundheitssystem steht vor gewaltigen Umwälzungen“, sagt Michael Sander, Geschäftsführer des Lindauer Beratungsunternehmens TCP Terra Consulting Partners GmbH http://www.terraconsult.de und Vorstand des CareHelix Instituts für Management und Dialog im Gesundheitswesen ( CIM ) http://www.carehelix-institut.de.
Der Arztberuf im Krankenhaus wird immer mehr zu einer ganz normalen Dienstleistung. Das ist keine Welt à la Schwarzwaldklinik, wo es Halbgötter in Weiß und eine Menge Amouren und Romanzen gibt. Krankenhausärzte von heute müssen Dienstleistungen unter den Aspekten Transparenz und Qualitätssicherung erbringen“.
Hinzu kommt die Not mit dem lieben Geld. Deutsche Krankenhausärzte beziehen ein Jahresgehalt von 56.455, französische eins von 116.077, niederländische verdienen 175.155 und amerikanische sogar 267.993 US-Dollar. Neben den im Vergleich geringen Jahresgehältern deutscher Krankenhausärzte und dem grassierenden Imageverlust wirft die streng hierarchische Ordnung in deutschen Krankenhäusern Probleme auf. „Hier handelt es sich um ein klassisches Führungsproblem. Sicherlich muss heute der kleine Krankenhausarzt nicht mehr am Wochenende das Auto des Chefarztes waschen.
Doch nicht nur Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, spricht von Zuständen wie im preußischen Feldlazarett. Eine bessere und modernere Personalführung würde es den Fachärzten in den Kliniken deutlich erleichtern, vielleicht 30 Jahre in einem Haus zu bleiben, ohne jemals Chefarzt zu werden. Wenn hoher Arbeitsstress, vergleichsweise geringe Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten und ein schlechtes soziales Klima zusammen kommen, wirkt das nicht eben motivierend“, lautet die Einschätzung von Marc Emde, Mitglied der Geschäftsführung der Kirch Personalberatung http://www.kirchconsult.de in Köln. Die Zukunftsaussichten sind allerdings nicht sehr rosig: Schrappe prognostiziert, dass noch ein langer schwelender Konflikt zu erwarten sei.Sollten Sie Fragen zu unseren Meldungen haben, so wenden Sie sich bitte an den Verfasser. I-Newswire.com kann keine Auskunft zu Pressemitteilungen geben da wir Mitteilungen nur publizieren und nicht selber verfassen.

Weitere Informationen
medienbüro.sohn

2005-11-06

Die Hütte brennt lichterloh

Wegen eines Briefes der CDU Nünchritz kam Sachsens Sozialministerin Orosz in den Rodaer Dorfkrug.

Die Hütte brennt lichterloh. In spätestens zwei Jahren haben wir einen akuten Ärztemangel im Landkreis.“ So die Einschätzung des Glaubitzer Landarztes Dr. Wolfgang Klemm beim Besuches von Sozialministerin Helma Orosz vergangene Woche in Roda. „Von den 68 Ärzten in Riesa-Großenhain werden 30 ihre Lizenz bis 2007 aus Altersgründen zurückgeben. ..

Hausarztpraxen - leider unverkäuflich

Wachsender Ärztemangel macht dem Goodwill in immer mehr Fällen den Garaus
Hausarztpraxen - leider unverkäuflich
von Jost Küpper
Für Hausärztinnen und Hausärzte war das jahrelang eine sichere Sache. Übergeben sie dem Nachfolger ihre Praxis, zahlt der in barer Münze für den sogenannten ideellen Praxiswert. Der finanzielle Vertragsarzt-Nachschlag kommt wegen des Ärztemangels aber immer öfter nicht zustande.
Dr. med. Joachim Calles, Hausarzt aus Rothenkirchen bei Kronach, führt seit ein paar Monaten ein recht eigenartiges Verzeichnis. Auf der Liste findet man Orte wie Hof, Kronach, Waidhaus oder Neustadt bei Coburg. Aber auch Flecken wie Gundelsdorf/Kronach, Steinbach/Wald, Pressig, Hausen oder Weißenstadt werden genannt. Sie liegen alle im bayerischen Oberfranken.

Dass Calles sie auf dem diesjährigen Bayerischen Ärztetag in Coburg präsentierte, hat einen betrüblichen Grund: In all diesen Gemeinden hat in den letzten drei Monaten ein Hausarzt einen Nachfolger gesucht – und war damit nicht erfolgreich. Calles, ärztlicher Bezirkschef von Oberfranken, wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, hinter den Einzelschicksalen ein einheitliches Muster zu vermuten. Aber die Botschaft ist klar: Der Ärztemangel ist in Bayern angekommen.

Ärztemangel – das ist für viele Betrachter immer noch ein rein ostdeutsches Phänomen: Ja, da muss in Sachsen eine Buschzulage von bis zu 60.000 Euro bezahlt werden, um Hausärzte in medizinisch verwaiste Dörfer zu locken. Ja, da bastelt die KV Thüringen in Ohrdruf (Landkreis Gotha) an einer Hausarzt-Praxis in Eigenregie. Aber so etwas gibt es im Westen nicht.

Da sind Dr. Calles und die betroffene Hausärzte von Oberfranken sicherlich ganz anderer Meinung. Und wenn Doctores im Rheinland, Niedersachsen oder Baden-Württemberg meinen, dies ginge sie doch wohl nichts an, sollten sie sich zwei Aspekte zum Hausarztmangel im Wirtschaftswunderland Bayern anhören.

Goodwill: bis zu 50 Prozent vom Jahresumsatz

  • Aspekt 1: Steht kein Nachfolger bereit, erlebt der abgebende Hausarzt ein finanzielles Fiasko. 20 bis 50 Prozent eines Jahresumsatzes, so rechnen versierte Praxisvermittler, zahlt ein Nachfolger an den Abgeber für den ideellen Praxiswert, auch als „Goodwill“ tituliert.

    Rechnet man beispielsweise bei einer Allgemeinarztpraxis (zweite Gruppe: Hausarzt-Internisten) auf dem Land mit einer Scheinzahl von über 1.000, kann man von einem Korridor für den GKV-Jahresumsatz von 160.000 bis 220.000 Euro ausgehen. Davon fehlen dann 20 bis 50 Prozent für die Altersvorsorge. Ein nicht nur in Bayern beunruhigendes Szenario.

  • Aspekt 2: Die Vorstellung, „das kann mich nicht treffen“, zerstörte auf dem Bayerischen Ärztetag der dortige Kammervize, Dr. med. Max Kaplan, Hausarzt aus Pfaffenhausen/Unterallgäu. Viele Versatzstücke seiner Schilderung treffen auch auf andere Regionen zu.

    Kaplans provokante Stichmarke war in Coburg die Aussage, „Nachwuchsmediziner wollen nicht in Dörfern praktizieren“. Davon besonders betroffen sei der Beruf des Hausarztes. Insbesondere ländliche Regionen litten immer stärker unter einem entsprechenden Nachwuchsmangel. Die Gründe dazu stehen im Kasten ÄP-Hintergrund.

    Die Überalterung der Hausärzte

    Parallel dazu muss im Freistaat nach Kaplan eine Überalterung bei den Hausärzten konstatiert werden. Die Altersstruktur-Statistik zeige deutlich, dass der Altersgipfel bei Hausärzten um die 55 Jahre liege, so dass in den nächsten zehn bis 15 Jahren die Hälfte aller rund 10.000 Hausärzte ausscheiden werde.

    Der Kammervize hat noch einen fachspezifischen Trend ausgemacht: „Besorgniserregend ist dies vor allem deswegen, weil die Zahl der neu ausgestellten Anerkennungen im Fach Allgemeinmedizin von Jahr zu Jahr zurückgeht. Haben 1996 noch 331 Mediziner die Anerkennung zum Allgemeinarzt erhalten, belief sich deren Zahl 2004 auf 252.“

    Vom neu geschaffenen „Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin“ erhofft sich Kaplan offenbar keine Trendwende. Er geht nämlich davon aus, dass in den nächsten 15 Jahren rund 5.200 Hausärzte in den Ruhestand gehen, während „bei Zugrundelegung der aktuellen Zahlen von 2004“ lediglich rund 3.800 Ärzte neu ins System kommen.

    Dieses Defizit von rund 1.400 Hausärzten und die Abkehr der Nachwuchs-Hausärzte vom Land wird dazu führen, dass immer mehr abgabewillige Niedergelassene dies zu hören bekommen: „Hausarztpraxen – leider unverkäuflich“. Diese Hiobsbotschaft wird sich nicht auf Bayern beschränken.


    ÄP-HINTERGRUND

    Wochenarbeitszeit von 65 Stunden

    Das sind laut Bayerns Kammerzive Kaplan die Gründe, die junge Hausärzte vom Praktizieren auf dem Land abhalten:
  • Längere Arbeitszeiten durch die primär-ärztliche Versorgung mit einer 24-Stunden-Präsenz sowie Nacht- und Wochenenddiensten (Wochenarbeitszeit: 55 bis 65 Stunden, 75 Notdienste pro Jahr).
  • Geringere Verdienstmöglichkeit als andere Vertragsärzte. Insbesondere durch die unterschiedliche Honorierung von Sprechender- und Geräte-Medizin.
  • Sich ständig verschlechternde Arbeitsbedingungen durch Listenmedizin und Bürokratismuswahn (Praxisgebühr, DMP, Kassenanfragen, ICD-Verschlüsselung). Dazu kommen noch unterschiedliche Versorgungsmodelle und Budgetdruck im Arznei- und Heilmittelbereich.
  • Sinkende Lebensqualität und damit immer geringer werdende Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch Mehrarbeit bei immer geringer werdender ärztlicher Versorgungsdichte.


    ÄP-NACHGEFRAGT

    ... bei Dr. med. Axel Munte, Chef der KV Bayerns (KVB), zum Thema Ärztemangel von Hausärzten in ländlichen Gebieten in Bayern. Munte selbst ist niedergelassener Facharzt-Internist (Gastroenterologe) in einem Ärztehaus in München-Harlaching.

    „Wir versuchen, beim EBM draufzusatteln“

    ÄP: Kritiker sagen, der für den Freistaat vermeldete Mangel an Hausärzten sei lediglich ein Phantom, das Ärztefunktionäre zur Täuschung der Öffentlichkeit erfunden hätten.

  • Munte: Die hören einfach nicht richtig zu. Natürlich gibt es noch keinen flächendeckenden Hausarzt-Mangel in Nicht-Ballungsgebieten in Bayern. Aber es gibt ganz besorgniserregende Entwicklungen auf dem Land. Und schauen Sie sich bitte einmal die Alterspyramide bei unseren Hausärzten an! In fünf bis sechs Jahren wird das zappenduster, wenn wir nichts tun.

    O.k. – das Problem ist erkannt. Wie sieht’s denn nun mit Rezepten der KVB dagegen aus?
    Da gibt’s ein ganzes Bündel. Wir fordern in Bayern endlich Lehrstühle für Allgemeinmedizin, und – damit es schneller geht – die Realisierung über Stiftungsprofessuren. Wir fordern mehr Weiterbildungsstellen und Erleichterungen für Weiterbilder, eine Liberalisierung des Berufsrechts auch für Vertragsärzte, damit die auch in Zweitpraxis in einem unterversorgten, aber gesperrten Gebiet aufmachen können, wir ...

    ... packen das Thema Geld aber lieber denn doch nicht an.
    Von wegen. Es müssen natürlich auch bessere Verdienstmöglichkeiten her. Und deshalb werden wir versuchen, beim flächendeckenden EBM in hausärztlichen Mangelgebieten draufzusatteln. Dafür gibt’s doch die Möglichkeit von Strukturverträgen. Das ist fundiertes Gegensteuern.

    Andere hoffen, das viel profaner zu regeln. Die AOK will beispielweise ein ärztliches Pflichtjahr auf dem Land vor der Niederlassung!
    Und was bringt das? Jedes Jahr kommt ein neuer Doktor oder eine neue Doktorin! Die Patienten werden sich bedanken. Genauso unmöglich ist es, Busse mit mobilen Hausarzt-Teams durch Problemzonen zu schicken. Und wer gibt mir eigentlich eine Garantie, dass eine Anschubfinanzierung wie in Sachsen die Hausärzte längerfristig tatsächlich vor Ort hält? Das sind reine Notnägel, aber keine wirklichen Alternativen.

  • 2005-10-20
    Quelle: www.aerztlichepraxis.de

    2005-10-30

    Es war einmal:

    .. ein Land – lange vor unserer Zeit –, in dem es richtige Ärzte gab.

    Sie trugen weiße Kittel, hatten ein Stethoskop um den Hals hängen und konnten mit ihren eigenen Sinnen Patienten untersuchen. Diese Ärzte waren gerne zur Universität gegangen, hatten bei Professoren „gehört“ und von „klinischen Lehrern“ gelernt. Wenn ihre Kittel befleckt wurden, dann mit Blut und anderen Körpersäften. Wenn diese Ärzte zu Fortbildungen gingen, dann lernten sie etwas über MS, HWI und BSP. Es heißt in der Sage, dass diese Ärzte manchmal sogar freiwillig eine Nacht im Krankenhaus verbrachten, weil sie sich um ihre wenigen, dafür aber ernsthaft kranken Patienten kümmern wollten. Sie sollen auch nicht für jeden „Pipifax“ aus dem Bett geklingelt worden sein. Man hat sie sogar gut bezahlt, und ihr Ansehen im Volk war beträchtlich. So erzählt die Vergangenheit.

    Doch dann änderten sich die Zeiten. Die Ärzte, die was werden wollten, trugen nun Anzüge, hielten Zeiterfassungsbögen in der Hand und konnten das Handbuch des Prozessmanagements auswendig herunterbeten. Die Flekken auf ihrer Kleidung – sofern es welche gab – kamen nun von Kugelschreiber-Tinte oder Kopierer-Toner. In ihren Fortbildungen lernten sie etwas über DRG, QM und KTQ. Diese Ärzte saßen manchmal sogar freiwillig nachts noch in ihren Büros, um ausgiebig zu analysieren, wo und wie man noch mehr Stellen im Krankenhaus einsparen könnte. Sie wurden sehr gut bezahlt und genossen eine hohe Anerkennung – bei der Krankenhausleitung. So erzählt die Gegenwart.

    Doch eines Tages traute sich einer der wenigen verbliebenen Weißkittel, gegen die Zustände in den Krankenhäusern zu rebellieren. Dieser mutige Arzt aus dem Norden der Republik erstritt für die anderen Weißkittel, dass Bereitschaftszeit Arbeitszeit zu sein hatte. Heißa, was für ein Jubelgeschrei unter dem Fußvolk. Endlich sollte es nicht mehr ausgebeutet werden.

    Doch leider spielten die Oberen nicht mit: Anstatt Dukaten für zusätzliche Stellen lockerzumachen, wurde – natürlich personal- und somit kostenneutral – Schichtdienst für alle eingeführt. Dies hatte zur Folge, dass die Ärzte ohne Anzug jetzt zwar mehr Freizeit hatten, diese aber nur selten mit ihren Familien oder Freunden teilen konnten, weil sie tagsüber meist schliefen (sie hatten wochenlang nur nachts gearbeitet). Für sie selbst war das freilich nicht so schlimm, da sie sowieso nicht mehr genug Geld hatten, um ihren gewohnten Freizeitvergnügungen nachzugehen. Durch den Schichtdienst blieb ihnen nämlich nur ihr Grundlohn (plus wenige dürftige Zulagen). Und nebenbei arbeiten durften sie nicht. Ruhezeit war nun einmal Ruhezeit.

    Dafür lernten die Weißkittel jetzt während ihrer Arbeit viele verschiedene Sprachen kennen. Denn ihre Kollegen kamen nur noch selten aus dem eigenen Land – dort wollte niemand mehr Arzt werden –, sondern aus Polen, der Tschechischen Republik, Russland, Indien und Pakistan. Multikulti am Krankenbett.

    Blöd war das nur für die Patienten, die wie Oma Müller nun rein gar nicht mehr verstanden, was Herr oder Frau Doktor – die nun auch noch jeden Tag andere waren – auf der viel zu kurzen Visite nun eigentlich von und mit ihnen wollten.

    Allerdings fiel das gar nicht so sehr ins Gewicht, weil Oma Müller nach den neun Monaten Wartezeit so unendlich froh war, endlich einen Termin für den Einbau ihrer neuen Hüfte bekommen zu haben (den sie jedoch selbst bezahlen musste).

    Die vielen Controller, DRG-Beauftragten und der hauptamtliche ärztliche Direktor kosteten eben mehr, als mit inländischen Arbeitszeitmodellen und ausländischen Arbeitskräften eingespart werden konnte. So erzählt die Zukunft.

    Dr. med. Michael Feld

    2005-10-26

    aus: www.uni-ohne-aerzte.de

    Die ärztliche Tätigkeit in Krankenhäusern, insbesondere in Universitätskliniken, ist durch überbordende Bürokratisierung (DRG/OPS), dramatische Verdichtung der Arbeit durch Personalengpässe, deutliche Steigerung der Leistungszahlen und unrealistische gesetzliche Rahmenbedingungen (Arbeitszeitgesetz) und nicht zuletzt durch eine seit Jahrzehnten miserable finanzielle Honorierung kurativ ärztlicher Tätigkeit (-7,5% gegenüber +3% anderer Akademiker im öffentlichen Dienst), zu einem so unattraktiven Arbeitsplatz verkommen, dass immer weniger Ärzte diesen Weg wählen.

    Mehr als 20% eines Examensjahrganges kehrt der kurativ-ärztlichen Tätigkeit dauerhaft den Rücken. Unter Ärzten herrscht faktisch Vollbeschäftigung, ohne Zuwanderung ausländischer Kollegen ergibt sich heute schon eine abnehmende Zahl angestellter Ärzte mit schwerwiegenden qualitativen und quantitativen Folgen für die Krankenversorgung und Forschung in Deutschland.

    Insbesondere die akademische Medizin ist in Gefahr und kann so nicht auf international konkurrenzfähigem Niveau fortgesetzt werden! Infolge des ab 01.01.2006 geltenden Arbeitszeitgesetzes wird es nochmals zu dramatischen Einkommensverlusten der angestellten Ärzte kommen, so dass insgesamt von einer offensichtlichen Geringschätzung ärztlicher Tätigkeit seitens der Arbeitgeber gesprochen werden muss.

    Die derzeitigen Arbeitsbedingungen gefährden die Patientensicherheit, die akademische Medizin und den Forschungsstandort Deutschland und widersprechen einer leistungsgerechten Honorierung ärztlicher Tätigkeit. Angesichts ihres beispiellosen Engagements für den einzelnen Patienten und die Gesellschaft als Ganzes, sind Ärzte nicht bereit, dies länger hinzunehmen!

    quelle: http://www.uni-ohne-aerzte.de

    2005-10-24

    "Marburger Bund" droht mit beispiellosem Ärztestreik

    Pressemitteilung

    Berlin, 24. Oktober 2005 - Nr. 49/05

    Marburger Bund droht kommunalen Krankenhäusern mit Streikwelle

    Wenige Tage nach den massiven Ärztedemonstrationen für einen eigenen Tarifvertrag, hat die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (mb) beschlossen, die Protestaktionen deutlich zu verschärfen. „Das arrogante Verhalten der kommunalen Krankenhausarbeitgeber auf unsere Forderung nach Tarifverhandlungen ist nicht akzeptabel“, so der 1. Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. Frank Ulrich Montgomery. Um die Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) zum Einlenken zu bewegen, habe die Tarifkommission des mb beschlossen, Maßnahmen einzuleiten, um in kommunalen Krankenhäusern Ärztestreiks durchzuführen.

    Hintergrund der Streikvorbereitung sei eine Empfehlung der VKA an die kommunalen Krankenhäuser, ausnahmslos alle Ärzte – auch Marburger Bund-Mitglieder – in den neuen Tarifvertrag öffentlicher Dienst (TVöD) überzuleiten, der am 1. Oktober 2005 den Bundes-Angestelltentarifvertrag (BAT) ablöst hat.
    Da der mb jedoch den neuen Tarifvertrag nicht unterzeichnet hat, gelte für seine 90.000 Mitglieder weiterhin der BAT. Die Ärztegewerkschaft bezeichnet den TVöD als „ärztefeindlich“, da er zu dramatischen Einkommenseinbußen führen werde.
    Montgomery: „Mit der Entscheidung, alle Ärzte in den TVöD zwingen zu wollen, ist unsere Friedenspflicht gegenüber den Arbeitgebern erloschen.“ Sollte die VKA nicht umgehend Gesprächsbereitschaft zeigen, würden die kommunalen Krankenhäuser mit einer beispiellosen Streikwelle überzogen.
    Für die 22.000 Ärzte an Universitätskliniken verhandelt der Marburger Bund bereits mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) über einen Ärztetarifvertrag.
    „Ich warne die VKA davor, die Kampfbereitschaft und Entschlossenheit der Ärzte in kommunalen Krankenhäusern zu unterschätzen. Krankenhausärzte wollen sich nicht länger ausbeuten und unterbezahlen lassen“, erklärte Montgomery. Der Marburger Bund biete der VKA faire Tarifverhandlungen für einen arztgerechten Tarifvertrag an. Ziel seien bessere Arbeitsbedingungen und höhere Gehälter.